Internetzensur bald auch in Österreich?

Nachdem in den letzten Tagen und Wochen ja sehr viel über die Zensurlisten in Deutschland und den Widerstand dagegen zu lesen war, kam heute auf orf.at die Schreckensmeldung, dass auch in Österreich erste Überlegungen in der Richtung unternommen werden.

Zum Hintergrund: In Deutschland sollen demnächst vom BKA Sperrlisten veröffentlicht werden, in denen Domainnamen vermerkt werden, die mutmasslich kinderpornographisches Material beinhalten. Die ISPs (Internetprovider, wie in Österreich z.B. aon/telekom, inode/UPC, chello, ...) sollen dann dazu gezwungen werden, auf ihren DNS Servern die Einträge von Domains auf diesen Listen umzuleiten.

Für den Anwender würde das dann so aussehen: Man gibt wie gewohnt eine Adresse (z.B. http://www.widhalm.or.at ) in den Browser ein, erhält aber statt der gewünschten Seite eine Seite des BKA, das darauf hinweist, dass man sich beim weitersurfen eventuell strafbar macht.

So schön sich die Idee, Kinderpornographie einfach zu sperren auch anhört, so furchtbar ist diese Idee einer Umsetzung. Wer auch nur ein wenig Hintergrundinformation zur Funktionsweise des Internet und des DNS Systems hat, sieht sehr schnell, dass:

  • Jeder User einfach DNS Server verwenden kann, die diese Sperrlisten nicht verwenden und alle Seiten wie gewohnt ausliefern - zur Not setzt man sich selbst einen auf. Sehr einfache Anleitungen, die nur selten das gezielte Ansurfen von Wesbsites mit kinderpornographischem Inhalt zum Ziel haben, sind zuhauf zu finden. Man muss nicht "technisch" versiert sein, um soetwas umzusetzen.
  • Es ist sicher fraglich, wie weit die Verteiler von Kinderpornos tatsächlich auf Domainnamen setzen, da es problemlos möglich ist, Websites auch über deren IP Adresse anzusurfen, womit die Sperrlisten gar nichts bringen würden. Da davon ausgegangen werden kann, dass die Betreiber und deren Kunden von Kinderpornoseiten, sich verständigen macht es keinen wirklichen Unterschied, ob Domains oder IPs verwendet werden.

Andererseits bergen die Listen erhebliche Gefahren, vor allem für Leute, die sich nicht um die Angelegenheit kümmern und somit auch keine eigenen DNS Server verwenden.

  • Die Listen werden einzig vom BKA erstellt und gewartet. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um ein ungutes Gefühl zu haben, wenn eine staatliche Institution kontrollieren kann, welche Websites die Einwohner eines Landes ansurfen dürfen und welche nicht. Bei der deutschen Umsetzung dieser Sperrungen sind die Listen geheim und werden ausschliesslich vom BKA gewartet und überprüft!
  • Es wäre sehr einfach zu lösen, für den Anwender unsichtbar, mitzuschneiden, wer welche Websites ansurft. Es ist nämlich durchaus möglich, User erst auf eine BKA Seite umzuleiten, von der aus sie dann auf die eigentlich gewünschte Seite transferiert werden - und ganz nebenbei zu speichern, welche Seite der User aufgerufen hat. Quasi ein Abhören der Internetaktivität, ohne Änderungen an der Anlage des Users vornehmen zu müssen.
  • Niemand gibt vor, wie die Seite des BKA, auf die verwiesen wird, aussehen muss. So wäre es ein Leichtes, eine "Seite nicht gefunden" Meldung dort einzuschieben, die dem Anwender vorgaukelt, die Seite würde gar nicht existieren - Zensur, ohne, dass der User etwas davon merkt.

Um es kurz zu fassen: Es gibt wohl einen Grund, warum über 50.000 Personen die Petition innerhalb von 4 (!) Tagen unterzeichnet haben, die diese Sperrlisten verhindern soll. Und der ist wohl nicht, dass all diese Leute nicht von Kinderpornographie ausgesperrt werden wollen.

Der Kampf gegen Kinderpornographie ist natürlich eine sehr gute Sache, aber dieses Mittel ist zu 100% der falsche Weg. Die eigentlichen Konsumenten werden durch solche Massnahmen mit Garantie nicht ausgesperrt, dazu sind sie viel zu einfach zu umgehen. Leute, die kein Interesse an Kinderpornographie haben, können dennoch mit einer Leichtigkeit eingeschränkt und überwacht werden, wie sie in diesem Masse im Internet in Europa noch nie da war.

Die oben aufgeführten Gründe sind nur ein kurzer Auszug, der mir beim Tippen eingefallen ist. Wer auch nur ein wenig das Netz zu diesem Thema durchforstet findet sicher noch viel mehr Gründe, die gegen die Einführung von DNS Sperrlisten sprechen.

Eine sehr gute Zusammenfassung des Themas mit sehr vielen Links zum weiteren Nachforschen findet sich auf dem Datenschutzblog.

Wichtig zu erwähnen ist auch, dass viele Opferverbände gegen diese Regelung angehen.

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